Wir sitzen auf einer Bank in der Nähe des Ocus-Fahrradständers. Ein unauffälliges Objekt, das zu einer neuen Ergänzung der Stadtmöbelfamilie von mmcité geworden ist und mit dem Red Dot Design Award 2026 ausgezeichnet wurde. Wir sprechen mit seiner Designerin Iveta Krmíčková darüber, warum Fahrradinfrastruktur heute einen anderen Ansatz braucht, wie ein nahezu unsichtbares Produkt entsteht und warum selbst ein kleines Detail den öffentlichen Raum prägen kann.
Iveta, Ocus wirkt sehr minimalistisch und natürlich. Wie entstand die erste Idee für dieses Produkt?
Von Anfang an habe ich den Fahrradständer anders gedacht. Mein Ziel war es, das Stereotyp zu durchbrechen, dass Fahrradinfrastruktur robust und visuell schwer wirken muss. Wir wollten ein Objekt schaffen, das im leeren Zustand nahezu unsichtbar ist, aber in dem Moment, in dem ein Radfahrer ankommt, vollkommen selbstbewusst und funktional funktioniert. Gleichzeitig suchten wir eine Lösung für Städte, um Parkmöglichkeiten auch in engen Straßen oder stark frequentierten Gehwegen zu schaffen, ohne eine Barriere für Fußgänger zu bilden.
Der urbane Radverkehr verändert sich schnell. Wie hast du diese Dynamik im Design berücksichtigt?
Das Fahrrad ist heute längst nicht mehr nur ein Transportmittel. Für viele Menschen ist es Ausdruck von Identität und eine Investition in ihren Lebensstil. Mein Ziel war es, eine Lösung zu entwickeln, die auf diesen Wert reagiert. Ocus entstand als Antwort auf den Bedarf nach sicherem und stabilem Parken, das dem Fahrrad mit Respekt begegnet. Es ist ein eigenständiges, solitäres Element, das sich flexibel auch an komplexe städtische Räume anpassen kann, in denen klassische Reihenständer nicht ideal funktionieren.
Was war die größte Herausforderung im Designprozess?
Bei mmcité versuchen wir immer, eine Balance zwischen visueller Klarheit und technischen Fertigungsmöglichkeiten zu finden. Das spiegelt sich auch im Design von Ocus wider. Die gesamte Konstruktion basiert auf einem einzigen durchgehenden, gebogenen Stahlrohr. Die Proportionen seines Durchmessers und der einzelnen Radien waren entscheidend. Ein wichtiger Entwicklungsschritt war außerdem die horizontale Verstrebung. Sie stabilisiert die Konstruktion und dient gleichzeitig als praktischer Anschlag, der das gesamte Fahrrad fixiert.
Worin unterscheidet sich Ocus von herkömmlichen Fahrradständern?
Bei klassischen Ständern stellt sich oft die Frage, ob das Fahrrad umkippt oder empfindliche Teile beschädigt werden – Rahmen, Komponenten oder Speichen. Mit Ocus wollten wir genau diese Probleme vermeiden. Dank der durchdachten Geometrie wird das Fahrrad intuitiv in die richtige Position geführt und stabil fixiert, ohne Kontakt zu den Speichen oder Belastung der Komponenten. Integrierte Anschläge stabilisieren das Fahrrad zudem in beide Richtungen, was besonders Besitzer schwerer E‑Bikes zu schätzen wissen.
Wie sieht für dich das ideale Umfeld für Ocus aus?
Ocus wurde so entworfen, dass er sich natürlich in verschiedene urbane Umgebungen einfügt. Er funktioniert gut vor Bürogebäuden, Schulen, Cafés oder in neu gestalteten öffentlichen Räumen, in denen Details und Qualität entscheidend sind. Ebenso gut kann ich ihn mir in historischen Straßen oder an Orten mit wenig Platz vorstellen. Gerade dort ist es wichtig, dass die Fahrradinfrastruktur nicht wuchtig wirkt oder unnötig stört. Wir wollten einen Ständer schaffen, der den öffentlichen Raum nicht dominiert, sondern zu einem natürlichen Bestandteil davon wird.
Du hast auch den Rider-Ständer und den Trot-Scooterständer entworfen. Unterscheidet sich das Design von Infrastruktur für Fahrräder und Scooter?
Ja, deutlich. Jedes Fahrzeug hat eine andere Geometrie, Stabilität und ein anderes Schließsystem. Ein Scooter ist im oberen Bereich relativ hoch, daher benötigt er eine präzisere Fixierung von oben für Stabilität. Gleichzeitig benötigt er deutlich weniger Platz. Dort, wo ein Fahrrad Raum für Lenker und Pedale braucht, können mehrere Scooter viel dichter geparkt werden.
Was unterschätzen Städte deiner Meinung nach bei der Fahrradinfrastruktur?
Städte unterschätzen weiterhin die notwendige Parkplatzkapazität und deren richtige Platzierung. Ein weiteres zentrales Problem ist die schlechte Vernetzung der Radwege. Dadurch werden Radfahrer oft gezwungen, in unübersichtliche und gefährliche Kreuzungen in Innenstädten einzufahren.
Dein Produkt Ocus wurde mit dem Red Dot Award 2026 ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für dich?
Für mich ist es die Bestätigung, dass selbst ein scheinbar utilitäres Produkt hochwertiges Design und Innovation tragen kann und dass Details die Stadtkultur beeinflussen können. Persönlich ist es eine große Freude – es ist mein erster Red Dot, also auch eine starke Motivation für die weitere Arbeit.